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Kantonschule Enge

Zürich

Kantonsschule Enge
Steinentischstrasse 10
8002 Zürich
Tel. 044 286 76 11
 

Streit um die Reife

Erschienen am 10.09.06 in der Neuen Zürcher Zeitung

 

Wussten Maturanden früher mehr? Sie wissen anderes, sagen die Gymnasien. Und doch sind nationale Standards für die Matur nicht mehr tabu.

Von Kathrin Meier-Rust

Recht und Gerechtigkeit. Die Freiheit des Individuums. L'ordre de dieu et l'ordre du roi. Alle 15 Minuten treten sie ein, junge Frauen und junge Männer, in ein grosses, leeres Klassenzimmer. Den Text in den Händen, den sie 15 Minuten lang vorbereiten durften, setzen sie sich vor Lehrer und Expertin, hören die erste Frage und beginnen zu sprechen. Manchmal zaghaft, oft erstaunlich selbstbewusst. Über Rahmenerzählung und Binnensymbol in der Novelle. Über Kleist, Kafka, Dürrenmatt. Über Zola, Camus und Anouilh - nun auf Französisch. Grosse Texte, alte Fragen und junge Menschen so war es immer, und so muss es sein an der mündlichen Maturprüfung, hier in einem Gymnasium im Kanton Zürich im September 2006.

Rund 16 000 junge Menschen werden in diesen Tagen in der Schweiz jenes Maturzeugnis erhalten, das zum Studium an jeder Schweizer Hochschule berechtigt. Zusammen stellen sie rund 19 Prozent ihres Jahrgangs, eine Quote, die seit 15 Jahren etwa stabil geblieben ist und es allen Prognosen nach auch bleiben wird. Die Gymi- Matur erscheint als Fels im stürmischen Meer der Bildungsdiskussionen: Die Umsetzung des neuen Maturitätsanerkennungsreglements (MAR) ist erfolgreich bewältigt (s. Kasten), ebenso die ungeliebte Verkürzung um ein halbes Schuljahr. Die neue Berufsmatur (als Passerelle von der Berufswelt in die Fachhochschule) hat zwar gleich zweimal Konkurrenz gebracht - um finanzielle Ressourcen und um leistungsfähige Jugendliche -, doch sie hat das allgemeinbildende Gymnasium auch wieder klarer dort positioniert, wo es sich selbst immer sah: als Zubringer, ja als eigentlicher «Königsweg» zur Universität.

Und ausgerechnet von dieser Seite dann der Schlag. Dass Hochschulprofessoren sich neuerdings öffentlich über «Studierunfähigkeit» und mangelnde Vorkenntnisse ihrer Studienanfänger beklagen, kann zur Not noch im Fach Nostalgie abgelegt werden. Doch dass bei den in den vergangenen Jahren vermehrt eingeführten ersten Zwischenprüfungen an Schweizer Unis heute regelmässig 30 bis 40 Prozent der Studienanfänger scheitern, musste beunruhigen. Die Nachricht schliesslich, dass an der ETH Zürich für das kommende Wintersemester in einigen Fächern zum ersten Mal Eignungsabklärungen obligatorisch werden, war für die Mittelschulen ein Fanal: Viele Gymnasiallehrkräfte empfinden diesen Schritt als Abwertung der Matur und als schleichende Unterwanderung des allgemeinen Hochschulzuganges. Die Diskussion darüber, ob auch das Gymnasium Bildungsstandards braucht, ist definitiv entbrannt. Umso mehr, als die Maturquote zwischen den Kantonen eine grosse Bandbreite zeigt und damit der Verdacht im Raum steht, dass eine Matur in Genf viel «leichter» sei als eine in Appenzell Innerrhoden.

Ist die Matur nicht mehr, was sie einst war, oder sollten wenigstens die Maturnoten «mehr» zählen? Zu diesen allseits so gerne diskutierten Fragen gibt es keinerlei empirische Befunde. Christoph Wittmer, Prorektor an der Kantonsschule Enge in Zürich, hat prinzipiell Mühe mit einem «früher», das allzu leicht nostalgisch verklärt werde. Doch selbst wenn es Daten gäbe, wären sie im Grunde irrelevant: «Wir müssen unsere Schüler schliesslich auf die heutigen Verhältnisse und die Anforderungen der heutigen Welt vorbereiten.»

Zur Relevanz der Maturnoten gibt es laut Rolf Dubs, Professor für Wirtschaftspädagogik in St. Gallen, in der Schweiz eine einzige Studie (eine Dissertation aus dem Jahre 1981), die den Zusammenhang zwischen MaturDurchschnittsnote und Studienerfolg untersuchte. Sie fand ihn nicht, denn es zeigte sich, dass nicht die Note, sondern allenfalls das einzelne Gymnasium mit Erfolg im Studium korrelierte. Dass Mittelschule nicht gleich Mittelschule ist, war allerdings zu erwarten bei einer Institution, die in 26 Kantonen bis jetzt gänzlich autonom (also ohne Rücksicht auf Zubringer und Abnehmer) entscheidet, wen sie - über die eigene Aufnahmeprüfung - aufnimmt und wen sie - über die eigene Maturprüfung - als «hochschulreif» entlässt. Wogegen sich die Gymnasien zu Recht wehren, ist die oft leichthin geäusserte Rede, dass heute bald jede und jeder die Matur machen könne. Die Durchfallquote bei den Maturprüfungen ist zwar tatsächlich sehr niedrig (sie liegt heute in der Deutschschweiz bei etwas über 2 Prozent). Dass Gymnasien hochselektive Schulen sind, lässt sich jedoch leicht zeigen, indem für eine beliebige Klasse die Zahl der Anwärter, die einst zur Aufnahmeprüfung erschienen, mit der Zahl der erfolgreichen Maturanden verglichen wird: Rund 40 Prozent bleiben da bei den meisten Kantonsschulen am Ende der Strecke noch übrig.

«Wir sind selektiver als die Hochschulen», erklärt Wittmer. Und wenn Selektion stattfinden müsse, dann doch am besten am Anfang, also durch Aufnahmeprüfung und Probezeit: Das erspare den Schülern Umwege und Zeitverlust, der Schule Kosten und ermögliche die Konzentration aufs Lernen.

Genau dies möchten allerdings die Hochschulen auch. Die Bologna- Reform hat zu strafferen Strukturen gezwungen, der Sparzwang und die wachsenden Studentenzahlen zu selektiven Assessmentstufen und Zwischenprüfungen. Am liebsten hätten auch viele Fakultäten inzwischen die «Selektion am Anfang» - aus exakt denselben Gründen wie die Mittelschulen. Die Aufnahmeprüfung für die Universität aber wäre das Ende des freien Hochschulzuganges durch die Matur - für die Gymnasien ein zentrales Anliegen ihres Selbstverständnisses.

Ein Kampf der Kulturen? «Nein, ein Problem der Schnittstelle von Gymnasium und Universität», sagt Wittmer. «Auf beiden Seiten haben Reformen stattgefunden MAR und Bologna -, die weitgehend ohne gegenseitige Abstimmung verlaufen sind.» Dadurch sei eine gewisse Entfremdung eingetreten, ein Auseinanderdriften der Ansprüche, das es von beiden Seiten zu überdenken gelte. Hier der grosse, mit MAR zum Teil individuell wählbare Fächerkanon des allgemeinbildenden Gymnasiums - dort eine wachsende Zahl von hochspezialisierten und strukturierten Studiengängen.

Wittmer gehört der Arbeitsgruppe Hochschule - Gymnasium an, in der Vertreter der Zürcher Kantonsschulen mit den Rektoren der Universität Zürich und der ETHZ einen Dialog begonnen haben. Im Projekt «Studierfähigkeit und Hochschulreife» werden für jedes Mittelschulfach Kerngruppen gebildet (bestehend aus je zwei Mittelschullehrern und zwei Hochschuldozenten), die die Ansprüche der Hochschulen an Studienanfänger ebenso diskutieren sollen wie den zeitlich begrenzten Rahmen von allgemeinbildenden Mittelschulen. Auch für Studienfächer, die es an den Mittelschulen nicht gibt - zum Beispiel Ingenieurwissenschaften, Publizistik, Materialwissenschaften, Architektur, Filmwissenschaften, Lehrerbildung -, sind Kerngruppen vorgesehen, in denen Dozenten mit interessierten Lehrkräften einsitzen.

Bis im Sommer 2007 sollen erste Empfehlungen vorliegen, und zwar für beide Seiten: Nicht nur was Maturanden wissen sollten, auch wie die Hochschule ihre Studienanfänger empfängt, informiert und selektioniert, steht zur Diskussion. Das Projekt «Schnittstelle» habe vielleicht Modellcharakter für die Schweiz, erklärt Christoph Wittmer (auch deshalb ist die ETH ein wichtiger Gesprächspartner).

Werden am Ende des Prozesses Standards stehen, die klar festlegen, was Maturanden wissen und können sollen? «Wir möchten im Grunde wesentlich mehr als bloss messbare Minimalstandards für die Maturfächer und Maturprüfungen. Gerade auch die überfachlichen Qualifikationen sind für die Studierfähigkeit wichtig: selbstorganisiertes Lernen, eigenständiges Arbeiten, Sprachkompetenz. Wir sind die Spezialisten für die Vorbereitung auf ein Hochschulstudium, und wir möchten das bleiben.»

«Das Gymnasium ist eine hochselektive Schule»

NZZ am Sonntag: Aus den Hochschulen hört man immer wieder Klagen, dass viele Studienanfänger nicht studierfähig seien. Sie sind selbst Hochschuldozent - was sagen Sie dazu?

Jürgen Oelkers: Diese Klage ist so alt wie die Humboldtsche Universität. Verlässliche Zahlen, die das belegen könnten - etwa dass die Durchschnittsqualität bei der Matur früher höher war oder dass Maturanden mehr wussten , gibt es nicht. Es gibt in der Schweiz mit Ausnahme der Medizin ja keinen Hochschul-Eingangstest, und deshalb kann man keine Trends feststellen. Was wir dagegen haben, ist das Urteil der Studierenden: Im Kanton Zürich sind inzwischen vier Befragungen der Absolventen von Mittelschulen durchgeführt worden, jeweils zwei Jahre nach der Matur. Zu diesem Zeitpunkt kennen diese Studierenden die Anforderungen der Uni. Die ganz grosse Mehrheit fühlt sich durch die Mittelschule in fachlicher Hinsicht gut bis sehr gut auf das Studium vorbereitet.

Und doch scheitern in den Hochschulen bereits an den ersten Zwischenprüfungen je nach Fach 30 bis 40 Prozent. Wirft das nicht ein Licht zurück auf die Vorbereitung im Gymnasium?

Das hängt wohl mehr mit der Wahl des Studienfaches zusammen als mit dem Gymnasium: Studierende, die keine klare Vorstellung haben, was sie studieren sollen oder wollen - das sind nach unseren Erfahrungen etwa 20 Prozent -, sind in einer gefährdeten Situation. Wer den in der Mittelschule gewählten Schwerpunkt - etwa Wirtschaft oder Naturwissenschaften - auch im Studium wählt, ist dagegen meist erfolgreich, und das sind je nach Fach über 50 Prozent der Maturanden. Und noch einmal anders ist die Lage in jenen Hochschulfächern, die gar nicht zum Mittelschulkanon gehören: Ingenieurwissenschaften, Publizistik, die Lehrerbildung hier wissen Studienanfänger natürlich nicht, was auf sie zukommt. Gerade um festzustellen, ob jemand das richtige Studienfach gewählt hat, haben die Hochschulen ja die Zwischenprüfungen auch eingeführt, vor allem in Fächern, die sehr überflutet sind.

Die gymnasiale Maturitätsquote liegt in der Schweiz heute bei knapp 20 Prozent, ist das zu hoch?

Diese Quote - 18,6% landesweit im Jahr 2004 - haben wir schon seit Mitte der neunziger Jahre, und sie wird auch in Zukunft stabil bleiben. Neu hinzugekommen ist eine sehr erfolgreiche Berufsmatur, damit kommt die Schweiz insgesamt auf eine Gesamtquote von knapp 30 Prozent Hochschulberechtigungen pro Jahrgang, das scheint mir gerade richtig.

Im europäischen und im internationalen Vergleich ist das niedrig.

Klar steht in den OECD-Berichten jeweils, die Schweiz habe eine zu tiefe Maturquote, aber da werden Äpfel mit Birnen verglichen. Man muss die Maturquote immer im Gesamtkontext eines Bildungssystems sehen. In der Schweiz besucht nur ein einziges Prozent der Maturanden keine tertiäre Ausbildung, alle anderen gehen an eine Hochschule oder Fachhochschule. Wenn man die Mittelschule ganz öffnet - wie in Frankreich oder Italien oder in den nordischen Ländern -, dann muss die Selektion über Eintrittsprüfungen in die Hochschule nachgeholt werden, und das ist oft noch viel härter, weil der definitive Entscheid später fällt. Zudem ist die Jugendarbeitslosigkeit gerade in Ländern mit hoher Maturquote sehr hoch. Die Schweiz hat durch das duale Bildungssystem eine viel bessere Verkoppelung mit dem Arbeitsmarkt und eine im Vergleich niedrige Jugendarbeitslosigkeit. Und darum geht es doch bei der Chancengleichheit: Nicht der Abschluss ist das Kriterium, sondern die mit dem Schulabschluss verbundenen Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Die entscheidende Frage ist: Wie viel Prozent eines Jahrganges kommen auf dem Arbeitsmarkt gut oder wenigstens halbwegs gut unter?

Die Maturquote ist in den verschiedenen Kantonen sehr unterschiedlich, was oft mit der Qualität verbunden wird: Je höher die Quote, desto weniger wert die Matur. Stimmt diese Gleichung?

Nein, ich glaube, die paar Prozente mehr oder weniger sind nicht zwingend mit Qualität verbunden. Es kommt auf die einzelnen Schulen an.

In den meisten europäischen Ländern spielt die Matur-Durchschnittsnote bei der Zulassung zur Universität eine Rolle. In der Schweiz ist jede auch noch so minimal bestandene Matur das Ticket zur Uni - ist das ein Manko?

Der freie Zugang zur Hochschule mit der Matur ist international tatsächlich ein einzigartiges Privileg. Natürlich könnte man darüber nachdenken, wie man das Ergebnis der Matur mit irgendwelchen Eingangsprüfungen an der Universität kombiniert. Bei den kleinen Studierendenzahlen der Schweiz - etwa im Vergleich mit Deutschland glaube ich aber nicht, dass es viel bringen würde. Ich glaube, eine gute Studienberatung ist wichtiger.

Hat die neue Matur nach MAR die Qualität der Matur verbessert - oder verschlechtert, wie manche meine?

Im Kern ist das System immer noch so wie vor 20 Jahren. In Bezug auf die Profile hat sich im Grunde nicht sehr viel geändert, weil die Fächervielfalt beibehalten wurde und weil alle Fächer zählen für die Maturnote. Das Privileg der Hochschulreife belohnt eben nicht einseitige Begabung, sondern es belohnt Leute, die sich auf viele Fächer einlassen können und auch da, wo sie schwach sind, Leistungen zeigen. Der grösste Gewinn ist die Maturarbeit, darin sind sich alle Seiten einig, gerade auch als Vorbereitung für das Studium. Mehr als 20 Prozent der Arbeiten im Kanton Zürich werden übrigens im Fach Geschichte geschrieben - das ist doch erstaunlich. In England ist Geschichte für alle mit 14 Jahren vorbei. Wir müssen verhindern, dass so etwas auf uns zukommt.

Man hört oft von einer minimalistischen Lernhaltung im Gymnasium.

Natürlich klagen die Lehrkräfte der Gymnasien darüber, dass ihre Schüler heute durch ein immenses Freizeitangebot vom Lernen abgelenkt werden - aber das ist eine allgemeine Zeiterscheinung, die betrifft nicht nur das Gymnasium. Und natürlich gibt es Schüler, die nüchtern ihren Durchschnitt kalkulieren im Grunde eine durchaus rationale Strategie. Ob das historisch zugenommen hat, ist aber nicht untersucht. Und es gibt immer auch Schüler mit Spitzennoten. Nein, die Schweiz hat international ein sehr strenges Notensystem, und beide, das Lang- wie das Kurzzeit-Gymnasium, sind hochselektive Schulen.

Was halten Sie von der einheitlichen Eintrittsprüfung, die im Kanton Zürich eingeführt wird?

Die ist sinnvoll und besteht auch schon in manchen Kantonen.

Und bei der Maturprüfung selbst - wären da Standards auch sinnvoll?

Die künftigen Bildungsstandards für die Volksschule werden auch für das Gymnasium Folgen haben. Vielleicht kommt es dereinst sogar zu einem nationalen Leistungstest, zum Beispiel in der 12. Klasse. Auch die Gymnasien werden sich einem gewissen Utilitätsdruck stellen müssen, sie können nicht mehr davon ausgehen, dass sie überhaupt nicht kontrolliert werden. Aber ich denke, sie operieren aus einer Position der Stärke.

Interview: Kathrin Meier-Rust

Evaluation der Matur

Im Auftrag von Bund und Kantonen wird die Reform des Gymnasiums (MAR) aufwendig evaluiert. In einer ersten Phase - Evamar I - wurden 21 000 Schüler, 2300 Lehrpersonen und sämtliche Schulleitungen in allen Kantonen befragt. Die Bilanz fiel ausgesprochen positiv aus, drei von vier Maturanden fühlten sich "gut" oder "eher gut" auf ein Studium vorbereitet. Besonders gut schnitt trotz zeitlicher Mehrbelastung die neue Maturitätsarbeit im Urteil von Lehrkräften und Schülern ab. In einer zweiten Phase - Evamar II - werden die fachliche Leistung der Maturanden und die Qualität der Maturitätsprüfungen gemessen und zudem auch die Abnehmer - also die Hochschulen - befragt. Die Ergebnisse dieser mit Spannung erwarteten Untersuchung werden voraussichtlich Mitte 2008 vorliegen. www.evamar.ch

 

Jürgen Oelkers

Jürgen Oelkers ist Professor für Allgemeine Pädagogik an der Universität Zürich. Im Auftrag der Bildungsdirektion hat er eine "Expertise zur Lage der Mittelschulen" verfasst, die die vorliegende Forschungsliteratur im Blick auf die Zürcher (und Schweizer) Gymnasien auswertet und Vorschläge zur Weiterentwicklung in einer europäischen Perspektive macht. Der Bericht wird in diesem Herbst erscheinen. (kmr.)

© Neue Zürcher Zeitung; 10.09.2006