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Kantonschule Enge

Zürich

Kantonsschule Enge
Steinentischstrasse 10
8002 Zürich
Tel. 044 286 76 11
 

Das Staunen über die vielen Hausaufgaben

Zürcher Gymnasialklasse auf Besuch in San Francisco

Erschienen am 01.12.04 in der Neuen Zürcher Zeitung

 

Hautnah erleben zu dürfen, wie High-School-Studenten und deren Familien in der San Francisco Bay Area ihren Alltag organisieren, war während dreier Wochen das Privileg von 18 Gymnasiastinnen und Gymnasiasten der Kantonsschule Enge. Am meisten beeindruckte die Zürcher das hohe Anforderungsniveau an den besuchten Schulen.

snu. Palo Alto, Ende November

Die Reise der Zürcher Gymnasialklasse nach San Francisco (siehe Kasten) ist über eine äussere Verschiebung von Menschen oder einen Wissenstransfer hinausgegangen: Es ist vieles in Bewegung gekommen. Jeder Reisende war Botschafter seiner heimatlichen Wirklichkeit, die er mit sich in die neue Umgebung hineintrug. Umgekehrt präsentierten die kalifornischen Gastgeber ihren Besuchern einen zwar örtlich begrenzten, aber dafür konkreten Einblick in das Leben an der amerikanischen Westküste. Die Erfahrung sei phantastisch und trage dazu bei, Vorurteile abzubauen, sagen viele Zürcher Schüler während des Aufenthalts. Angela Marti von der Swiss Re, die den Austausch im Rahmen der Städteinitiative zwischen Zürich und San Francisco organisiert hat (NZZ 3. 11. 04), sieht diesen Besuch als Auftakt zu einer Tradition: "Durch den gegenseitigen Besuch der Schüler, der die Mitarbeit von Behörden, Lehrern und Eltern erfordert, findet ein Wissenstransfer mit einem Multiplikatoreffekt statt. Dieser wird längerfristig die beiden Regionen Zürich und San Francisco näher zusammenbringen."

Begeisternde Gastfreundschaft

 

Wenn nicht Vorurteile, so brachten die Gymnasiasten ein Vorwissen über das Land mit, das die meisten zwar noch nie besucht hatten, aber doch aus Kino, Presse und Fernsehen zu kennen glaubten. Ein paar Stimmen im Vorfeld der Reise verdeutlichten dies: Amerikas Schulsystem sei zwar ein bisschen anders als das schweizerische, aber in den Grundzügen wohl doch ähnlich. Jeder wisse, dass die Amerikaner viel konservativer seien als die Schweizer. Fast Food zu essen oder Mahlzeiten direkt aus dem Gefrierfach in die Pfanne zu hauen, sei in den USA die Norm. In Amerikas High Schools herrsche eine lässige Atmosphäre, dies sehe man in den Filmen. Dass es in drei Wochen zu persönlichen Gesprächen mit Schülern und deren Familien kommen werde, sei unwahrscheinlich. Amerikaner seien oberflächlich und nicht an Europäern interessiert.

Vieles ist aber anders, als es sich die Zürcher vorgestellt haben, und manches, was sie erleben, hätten sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht so ausgemalt. Fast Food isst man hier nur in Ausnahmefällen, die meisten Gastfamilien kochen äusserst schmackhafte Mahlzeiten. Über Politik diskutieren viele Gastgeber offen, und sie erweisen sich erst noch als weniger konservativ denn die Tante und der Onkel in Zürich. Die Kantonsschülerin Jasmin Schmid lobt ihre Gastfamilie in den höchsten Tönen und zeigt sich überwältigt von deren Gastfreundschaft. Auch ihr Kollege Lino Teuteberg ist überrascht von der persönlichen Betreuung durch seine Familie: "Sogar für das Schweizer Militär haben sie sich interessiert."

Anforderungsreiche Privatschulen

 

Die grösste Überraschung für alle Zürcher sind aber zweifellos die Privatschulen, welche die Söhne und Töchter ihrer Gastgeber besuchen. Einerseits sind alle von der Herzlichkeit der Lehrer, dem kollegialen Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern sowie der äusserst positiven Lernatmosphäre begeistert; diese trägt bereits so weit Früchte, dass verschiedene Zürcher den Wunsch nach Hause tragen, dereinst in den USA zu studieren. Andererseits gibt es etwas, das allen Zürchern unverständlich und fremd ist: Diese Schulen stellten fast unmenschliche Anforderungen an ihre Studierenden, finden die Enge-Schüler.

Die privaten Bildungsinstitutionen Amerikas stellen oftmals höhere Ansprüche an ihre Schüler, als es die öffentlichen Schulen tun. Mit dem Bestehen der Aufnahmeprüfung ist nur die erste Hürde geschafft, danach müssen sich die Schüler täglich neu bewähren. "Wenn wir von der Schule oder vom Sportprogramm, das hier nach dem Schulunterricht stattfindet, nach Hause kommen, setzt sich mein Gastgeber Tag für Tag während drei bis vier Stunden hinter die Hausaufgaben." "Nur selten können die amerikanischen Schüler vor elf Uhr nachts ins Bett, und für Fernsehen oder Blödeleien bleibt gar keine Zeit. Zwölf Mathe-Probleme lösen, ein Essay schreiben, ein Geschichtsprojekt vorbereiten, 50 Spanischvokabeln lernen und noch 40 Seiten lesen, dies ist die Hausaufgabenladung meiner Gastgeberin an einem durchschnittlichen Wochentag", sagt eine Zürcher Gymnasiastin mit einer Mischung aus Bewunderung und Verzweiflung. An der Kantonsschule Enge, fügt ein anderer an, habe er an vielen Abenden keine Hausaufgaben und könne einfach vor dem Fernseher sitzen.

Kaum disziplinarische Probleme

 

Gäben Unterrichtende in der Schweiz so viele Aufgaben, würden sich die Eltern wohl beschweren, sagt Thomas Stähli, einer der zwei mitgereisten Lehrer. Aufgefallen ist ihm auch, dass sich seine Berufskollegen in den vier besuchten High Schools nur in Ausnahmefällen mit disziplinarischen Problemen herumschlagen. "Die Schüler sind motiviert und arbeiten", stellt Stähli fest, "ihre Arbeitsdisziplin mutet fast unwirklich an." Seinem Kollegen Stephan Giess ist aufgefallen, wie sehr sich die betreffenden Schüler mit ihrer Schule identifizieren: "Welcher Zürcher Gymnasiast würde einen Pullover mit dem Logo seiner Schule tragen?" Auf die Frage einer Schweizerin, weshalb sie ihre Schularbeiten jeden Tag ohne Widerrede erledige und motiviert sei, nur Bestnoten zu schreiben, liefert eine Schülerin der Menlo School die logische Antwort: "Alle Hausaufgaben werden bei uns benotet. Zudem kommt man in Amerika nur mit einem hohen Notendurchschnitt in ein prestigeträchtiges College."

Zurück in Zürich


urs. Inzwischen ist die Klasse der Kantonsschule Enge von ihrer Reise nach San Francisco heimgekehrt und hat den Alltag in ihrer zweisprachigen Maturitätsausbildung wieder aufgenommen. Bei einer kurzfristig einberufenen Medienorientierung war am Dienstag von einem reibungslos verlaufenen Auslandaufenthalt die Rede. Wie die Verantwortlichen der Kantonsschule andeuteten, stehen die Chancen für eine Weiterführung oder gar für eine Ausweitung des Austauschprogramms auf weitere Klassen und Schulhäuser gut. Die Jugendlichen aus der Enge, die in der Fremde viel Praxis in Englisch erhielten und unter anderem von San Franciscos Bürgermeister empfangen wurden (NZZ 25. 11. 04), scheinen erstens eine Lektion in Sachen Pluralismus erhalten zu haben: Das amerikanische Leben schlechthin gibt es ebenso wenig wie die Schweizer Mentalität. Zweitens blieben Müsterchen an Skurrilität in den Gedächtnissen hängen: Einer musste wohl oder übel mit seinem Gastgeber Enten jagen und dessen Grillsammlung begutachten, eine andere wurde auf dem dreiminütigen Schulweg stets chauffiert. Drittens scheinen bei manchen ein paar Illusionen vom "Land der unbeschränkten Möglichkeiten" geplatzt zu sein: Sie halten fest, dass sie in ihrer Freizeit weit mehr Bewegungsfreiheit genössen als ihre kalifornischen Altersgenossen. Die Teenager sind sich bewusst, eine Schokoladenseite des amerikanischen Schulsystems und eine privilegierte Gesellschaftsschicht kennen gelernt zu haben: Sie alle besuchten während der drei Wochen Privatinstitute, deren jährliches Schulgeld grösstenteils deutlich über 20 000 Dollar liegt. Im nächsten Juni wird der Nachwuchs der kalifornischen Gastfamilien zu einem Gegenbesuch in Zürich erwartet.

 

© Neue Zürcher Zeitung; 01.12.2004; Nummer 281; Seite 53